Kurzkonzept

Poliklinik – ein Konzept

Eine gute Gesundheitsversorgung umfasst heute mehr als die rein medizinische Versorgung und Vorsorge. Als Poliklinik-Gruppe, bestehend aus Gesundheitsarbeiter_innen, Jurist_innen, Sozial- und Kommunikationswissenschaftler_innen, diskutieren wir seit einiger Zeit, wie eine zeitgemäße Gesundheitsversorgung aussehen kann, die sowohl den individuellen Bedürfnissen und Problemlagen von Patient_innen sowie den gesellschaftlichen Verhältnissen, die gesund oder krank machen, Rechnung trägt. Unsere Antwort heißt Poliklinik – ein Stadtteilgesundheitszentrum, in dem Gesundheit interdisziplinär, individuell und kollektiv behandelt und verhandelt wird. Das Präventionsgesetz, das die Große Koalition im Jahr 2015 verabschiedete, zeigt einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitsarbeit an: Die Tatsache, dass die Lebensumstände in hohem Maße den jeweiligen Gesundheitszustand bestimmen – bis hin zur Lebenserwartung – wird damit anerkannt. Die konkreten Zielsetzungen zur Vorbeugung von Krankheit konzentrieren sich jedoch immer noch auf die medizinische Versorgung und die Verhaltensprävention.

 

Unser Vorhaben – der Aufbau eines Stadtteilgesundheitszentrums – geht einen Schritt weiter: Wissenschaftliche Untersuchungen (wie zuletzt der Hamburger Morbiditätsatlas) belegen, dass der Gesundheitszustand in sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen schlechter ist als in wohlhabenderen Vierteln. Der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung der Menschen beträgt zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommenskategorie über 10 Jahre. Dies kann nicht allein damit erklärt werden, dass in benachteiligten Vierteln die Ärztedichte geringer ist oder die Menschen sich „falsch verhalten“; vielmehr finden diese gesundheitlichen Ungleichheiten ihre Ursache in der Gesellschaft, den „sozialen Determinanten von Gesundheit“.

 

Die Reduktion sozialer Ungleichheit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene genauso wie die Verbesserung und Neuorientierung der Gesundheitsversorgung im Stadtteil müssen demnach Ziele einer modernen Medizin sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in einer an „primary health care“ orientierten Gesundheitsversorgung eine Möglichkeit der Umsetzung, womit sowohl die Verbesserung der konkreten Lebensumstände – der strukturellen Determinanten von Gesundheit – als auch eine auf Prävention und leicht zugänglichen allgemeinärztlichen Versorgung gemeint ist.

 

Unsere Idee von Gesundheitsversorgung setzt hier an: Wir werden auf der Hamburger Elbinsel Veddel eine integrierte Versorgungsstruktur aufbauen, die erstens primärmedizinische Versorgung mit Sozial- und Gesundheitsngeboten verbindet, um auf individuelle Erkrankungen und Problemlagen zu reagieren; zweitens ein darüber hinausgehendes Gruppenangebot (Weiterbildung, Empowerment) etablieren und drittens Strukturen der gesellschaftlichen Partizipation im Stadtteil schaffen, die eine unmittelbare Beteiligung an der konkreten Ausgestaltung des Stadtteilgesundheitszentrum ermöglichen und weiterführende Perspektiven für ein selbstbestimmtes und gesundes Leben eröffnen. Es handelt sich also um ein Modellprojekt im doppelten Sinne: Zum einen wird eine integrierte Versorgung aufgebaut, zum anderen leisten wir über die permanente Evaluation einen Beitrag zu Erforschung neuer Behandlungsmethoden und eines effizienteren Ressourceneinsatzes im Gesundheitsbereich. Wir gehen davon aus, dass die Qualität im Gesundheitssystem gesteigert werden kann, wenn Menschen an der Gestaltung ihrer Gesundheitsversorgung und ihrer Lebensumstände beteiligt sind.

 

Vier Säulen für eine bessere Gesundheitsversorgung und -vorsorge

 

1. Primärmedizinische Versorgung

Eine an den Bedürfnissen der Menschen in ihrer sozialen Gemeinschaft orientierte hausärztliche Versorgung in enger Kooperation mit einem ambulanten community nurse Konzept ist ein Grundpfeiler der Poliklinik. Häufige Hausbesuche, eine geregelte Zuwendungsdauer pro Patient_in und transparente Therapieregime sind dabei Elemente die im Rahmen des Modellprojektes erprobt und darüber hinaus eine neue Kollektivkultur um die Themen Gesundheit und Krankheit belebt werden soll. Bei Bedarf wird die Poliklinik sich um weitere Facharztrichtungen erweitern und Kooperationen mit anderen Gesundheitseinrichtungen wie Pflegeheimen, sozial-psychiatrischen Diensten und Suchthilfeeinrichtungen eingehen. Innerhalb der Poliklinik wird eine berufs- übergreifende, integrative Zusammenarbeit in Form von interdisziplinären Fallbesprechungen und gemeinsamer und gegenseitiger Fortbildung etabliert. Die gemeinsame Diskussion gesundheitlicher Probleme und die gegenseitige Qualitätskontrolle fördern Gemeinschaft und das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Arbeiter_innen. Wir verstehen die berufliche Praxis dabei als gemeinsamen Lernort, der sich ständig im Wandel befindet.

 

2. Gesundheits- und Sozialberatung

Recht haben und Recht bekommen sind leider oft zwei völlig verschiedene Dinge. Die Gründe dafür sind vielfältig; Sprachbarrieren, fehlendes Fachwissen, gesellschaftliche Hierarchien, Gegner mit großer Lobby... Seine Rechte zu kennen und diese darüber hinaus auch einfordern zu können, diese Fähigkeit und die sich damit eröffnenden Möglichkeitsräume sind erste Schritte zur Lösung unterschiedlichster individueller Probleme. Probleme, die auf Lebensumständen basieren, die sich negativ auf die Gesundheit des/ der Einzelnen auswirken und durch eine rein medizinisch ausgerichtete Gesundheitsversorgung nur in Ansätzen angegangen werden können. Daher ist eine Sozial- und Gesundheitsberatung, die niedrigschwellig und konsequent an die primäre medizinische Versorgung andockt, ein wichtiger Bestandteil unseres Gesundheitsangebots. In der Sozial- und Gesundheitsberatung können darüber hinaus gesundheitliche Belastungssituationen gemeinsam identifiziert und Strategien zur Problemlösung entwickelt werden. Angesichts der Komplexität unserer gesellschaftlichen Organisation reichen die Themen von der Frage nach einem Kitaplatz über Ausbildungschancen, Mietangelegenheiten bis hin zur Schuldenberatung. Bei Bedarf finden Begleitungen zu den jeweiligen Institutionen oder Vermittlungen zu anderen Einrichtungen statt.

 

3. Prävention: Empowerment und Stadtteilprojekte

In einer überschaubaren Nachbarschaft wollen wir die Idee einer an Gesundheitsfragen orientierten Gemeinwesenarbeit wiederbeleben und weiterentwickeln. Ein zentrales Ziel der Poliklinik ist es, durch die Zusammenarbeit von Patient_innen, interessierten Stadtteilbewohner_innen und Mitarbei- ter_innen aus der Poliklinik das Thema Gesundheit und Prävention gemeinsam verhandelbar zu machen, denn in Bezug auf die eigene Gesundheit sind alle Expert_innen. Wir wollen in der Poliklinik ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die größeren Lebensumstände, die durch gesellschaftliche Parameter bestimmt werden – wie Zugang zu Bildungsmöglichkeiten, Arbeits- plätzen, Wohnungen, die Höhe des Einkommens und dem Ausgesetzsein von Diskriminierungen und Rassismen –, einen sehr starken Einfluss auf den jeweiligen Gesundheitszustand bis hin zur Lebenserwartung haben. Projekte zum Thema Mobilität, Wohnraum, Arbeitslosigkeit, Stress durch Lohn- und Reproduktionsarbeit und zur Etablierung einer Willkommenskultur werden eine neue Form der Verhältnisprävention im Gesundheitsbereich etablieren.

 

4. Evaluation und Forschung

Mit unserer Poliklinik entwerfen wir die Praxis eines neuen Gesundheitsverständnisses und der dementsprechenden Gesundheitsversorgung. Die ständige Evaluation und Weiterentwicklung sind konstitutiv für den Erfolg unseres Projekts: Gemeinsam mit den Patient_innen und Stadtteilbewoh- ner_innen müssen wir weitere Bedarfe wie z.B. den häuslichen Pflegebereich untersuchen und Konzepte der Bearbeitung innerhalb der Poliklinik aufstellen. Zugleich ist es eine der zentralen Aufgaben, wissenschaftliche Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Lebenssituation und Gesundheitszustand zu generieren, um Leitlinien einer zeitgemäßen Gesundheitsversorgung zu verbessern. Hierfür streben wir eine enge Kooperation mit bestehenden wissenschaftlichen Einrichtungen auf Hamburger Ebene, aber auch im internationalen Kontext an.