Ausführliches Konzept

Poliklinik Veddel

Laboratorium der Zukunft

Wir leben in bewegten Zeiten; in Zeiten, in denen die globalen Widersprüche offen zutage treten. Tausende Menschen sind auf dem Weg in eine bessere Zukunft und lassen dabei alle Hürden hinter sich, die errichtet wurden, um sie aufzuhalten, abzuschrecken und zu kontrollieren. Es kracht im europäischen Gefüge: Während der Frühling dieses denkwürdigen Jahres 2015 dadurch gekennzeichnet war, dass die Menschen in Griechenland der neoliberalen Ausrichtung der EU trotz aller Einschüchterungsmaßnahmen ein deutliches Nein entgegensetzten, zeigte der Sommer einmal mehr, dass keine Grenze der Welt unüberwindbar ist. Und, dass Europa – und insbesondere Deutschland – auf dieser Welt als Ort für ein besseres Leben gilt. Gemessen an den katastrophalen Zuständen in anderen Regionen ist dies zweifelsohne zutreffend – doch auch hier, im reichen Europa, dem vermeintlich sicheren Hafen der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit, klaffen die Widersprüche mit enormer Wucht auf. Europäische Großstädte wie Hamburg sind dabei besondere Kristallisationspunkte. Die Hansestadt weist im aktuellen Armutsbericht die höchste Zuwachsrate der Armutsquote auf, zugleich ist sie die Stadt mit den meisten Millionären. Auch hier sind Migrant_innen und ihre Nachkommen deutlich stärker von gesellschaftlicher Marginalisierung betroffen, wie der Morbiditätsatlas von 2013 eindringlich zeigt. Diese gespaltenen Städte sind in Europa keine Einzelfälle. Besonders krass erscheint diese Ungleichheit, wenn man auf die Gesundheit der Menschen schaut. Es zeigt sich in Glasgow und Athen genau so wie in Hamburg, dass Menschen, die in armen marginalisierten Stadtvierteln leben, eine bis zu 10 Jahre kürzere Lebenserwartung haben als ihre Nachbarn in den wohlhabenderen Vierteln. Mortalitätsrelevante Erkrankungen und v.a. auch chronische Krankheiten liegen in ärmeren Stadtvierteln weit über dem Durchschnitt. In der ambulanten Gesundheitsversorgung fehlen bisher innovative Konzepte, die auf die Herausforderungen der zunehmend post-nationalen Städte, in denen gesundheitliche Ungleichheiten steigen, Antworten geben. Diesen markanten Wiedersprüchen unserer Zeit möchten wir mit dem Modellprojekt der Poliklinik auf der Veddel begegnen. Dass soziale Ungleichheit krank macht, dass der sozioökonomische Status eines Menschen die Lebensdauer bestimmt, sind keine Neuigkeiten. Und trotzdem steht im Einklang mit dem neoliberalen Credo unserer Zeit das individuelle Verhalten im Zentrum von Gesundheitsversorgung und Prävention. Das wollen wir ändern. Mit einem Konzept, das sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt, in dem das Postmigrantische als Stärke und nicht als Problem gesehen wird, in dem die krankmachenden Verhältnisse und nicht nur das individuelle Verhalten ins Blickfeld geraten, in dem gemeinsam über Berufsgrenzen und Rollenbilder hinweg nach kollektiven Lösungsstrategien gesucht wird, in dem eine Kultur der Teilhabe und des Willkommens eine Antwort auf Krankheit ist. Wir verstehen unsere Vision für eine andere Gesundheitsversorgung und –vorsorge als Modell, um der wachsenden Ungleichheit in den Städten Europas begegnen zu können.

 

Wir möchten Sie einladen, uns auf die Veddel zu begleiten; ein Hamburger Stadtteil, in dem die postnationale Zukunft schon jetzt Einzug gehalten hat.

 

 

Die Veddel

Die Veddel erstreckt sich über eine der drei Elbinseln in Hamburg. Zusammen leben auf ihr 4852 Menschen (Stand 31. Dezember 2014). Hier kann man die aktuelle Realität der post-nationalen Stadt erleben. Wer auf die Veddel schaut, schaut in unsere Zukunft: Begriffe wie Mehrheitsgesellschaft oder Leitkultur verlieren ganz zwangsläufig ihre Relevanz. Vielmehr geht es hier um die Organisation von Diversität.

(Die folgenden Daten entstammen dem Statistikamt Nord und beziehen sich auf die Veddel) 46 % nicht deutsche 70 % mit Migrationshintergrund Die Veddel/Wilhelmsburg ist einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs, was sich auch in der Unterversorgung mit sozialen Infrastrukturen zeigt. Der Stadtteil steht damit beispielhaft für die „gespaltene Stadt“, ein Phänomen welches in vielen europäischen Großstädten zu beobachten ist. 42,5 % Beschäftigungsquote 10,2 % Arbeitslosenquote 10,9 % ältere Arbeitslose 3,4 % jüngere Arbeitslose 25,5 % Leistungsempfänger_innen nach SGB II Durchschnittliches Jahreseinkommen : 15.491 € Wohnfläche je Einwohner_in: 25 m2 Sozialwohnungsanteil: 20 % Allgemeinmediziner_innen: 1⁄2 Weitere Fachärzt_innen: 0 Apotheke/Drogeriemarkt: 0 Der Gesundheitszustand der Menschen auf der Veddel unterscheidet sich stark von dem der Menschen in wohlhabenderen Vierteln Hamburgs. Die Morbidität ist für alle mortalitätsrelevanten Erkrankungen und vor allem auch bei Krankheiten mit langen chronischen Verläufen wesentlich höher als in Vergleichsvierteln (siehe Morbiditätsatlas Hamburg 2013).

Seit Generationen leben auf der Elbinsel EinwanderInnen verschiedenster Herkunft zusammen und prägen den Stadtteil kulturell, religiös, politisch und sozial. Trotzdem dient die Veddel vor allem den traditionell bürgerlichen Medien immer wieder als Anschauungsmaterial vermeintlich bedrohlicher Parallelgesellschaften, was der Selbstwahrnehmung der BewohnerInnen nicht entspricht. Die Veddel ist gerade auf Grund ihrer räumlichen Abgeschlossenheit für viele Menschen ein Refugium und ein Ort der Solidarität.

 

Stand der Dinge

Die Poliklinik Gruppe geht seit mehreren Jahren gemeinsam der Frage nach, wie eine zeitgemäße Gesundheitsversorgung aussehen kann, die sowohl den individuellen Bedürfnissen und Problemlagen von Patient_innen sowie den gesellschaftlichen Verhältnissen, die gesund oder krank machen, Rechnung trägt. Der Startschuss für unser Stadtteilgesundheitszentrum in Hamburg - Veddel ist 2015 mit einer Sozialraumanalyse und Kontaktaufnahme mit relevanten Akteur_innen des Viertels gefallen. 2017 starten wir mit einer Allgemeinarztpraxis, Sozial- und Gesundheitsberatung sowie Präventionsmodulen. Mit dem Stadtteil zusammen wollen wir dann das begonnene Projekt organisch zu einem Stadtteilgesundheitszentrum ausbauen. Wir greifen dabei auf einen jahrelangen Prozess der intensiven Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von bestehenden internationalen Modellprojekten und theoretischen Erkenntnissen zurück. In den letzten Jahren hat sich darüber hinaus ein Schwesternprojekt in Berlin etabliert, mit dem wir eng zusammenarbeiten. Die erlangten Erkenntnisse bilden zusammen mit den theoretischen Grundlagen wie das Primary Health Care-Konzept der WHO und der Theorie der sozialen Determinanten von Gesundheit die Grundlage unseres Konzepts für ein Stadtteilgesundheitszentrum. Meilensteine unserer Vita waren dabei neben zahlreichen fact finding missions das Ausrichten der Konferenz „Gesundheit ist politisch – Vom Medibüro zur Poli(t)klinik“ 2013 in Hamburg sowie die Publikation des Sonderheftes „Soziale Determinanten von Gesundheit“.

 

 

Unsere Vision für die Gesundheitsversorgung der Zukunft

Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.

Diese Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist alles andere als umstritten, doch sobald wir uns der Frage zuwenden, wie dieser Zustand erreicht werden kann, ist es mit der Einigkeit vorbei. In den aktuellen Diskursen über Gesundheit wird dem Zeitgeist entsprechend häufig das eigene Verhalten und damit die eigene Verantwortung betont, weniger rauchen, gesünder essen, Sport treiben. Zugleich häufen sich im internationalen Kontext Studien über den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und dem Gesundheitszustand, denen zufolge die gesellschaftlichen Verhältnisse sehr viel ausschlaggebender für Gesundheit und Lebenserwartung sind. Dieses Wissen ist längst Bestandteil des Alltagsverstandes derjenigen, die nicht von der derzeitigen gesellschaftlichen Verteilung des Reichtums profitieren: Deine Wohnung ist voller Schimmel? Du bekommst keinen Job oder Mietvertrag? Hängt das trotz Antidiskriminierungsgesetz vielleicht mit Deinem „undeutschen“ Nachnamen oder Deiner Hautfarbe zusammen? Du arbeitest Vollzeit und trotzdem hast Du nicht genug Geld zum Leben? Obwohl dein Lebensmittelpunkt in Deutschland ist, darfst Du nicht wählen, Deine Meinung zur Politik im formalen Sinne zählt also nicht? Du gehst nicht zum Arzt, weil in Deinem Viertel keiner ist und Du Dir das Ticket für die S-Bahn nicht leisten kannst? Deine Perspektive nach der Schule ist nicht etwa Hartz IV, sondern ein Studium, schließlich sind Deine Eltern ja auch Akademiker? – Klar wirkt sich das alles auf Deine Gesundheit aus.

 

Der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung der Menschen beträgt in Deutschland zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommenskategorie mehr als 10 Jahre. Diese Ungleichheiten finden auch laut WHO ihre Ursache in der Gesellschaft, den „sozialen Determinanten von Gesundheit“. Die Reduktion sozialer Ungleichheit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene muss ebenso wie die Verbesserung und Neuorientierung der Gesundheitsversorgung im Stadtteil Ziel einer modernen Medizin sein. Die WHO sieht in einer an „Primary Health Care“ orientierten Gesundheitsversorgung eine Möglichkeit der Umsetzung, womit sowohl die Verbes- serung der konkreten Lebensumstände – der strukturellen Determinanten von Gesundheit – als auch eine auf Prävention basierende und leicht zugängliche allgemeinärztliche Versorgung gemeint ist.

 

Hier setzen wir an, um die organisierte Traurigkeit der ambulanten Gesundheitsversorgung aufzubrechen. Unser Ziel ist es, ein Gesundheitszentrum mit Modellcharakter aufzubauen, in dem wir gemeinsam mit den Bewohner_innen des Stadtteils und den Nutzer_innen des Zentrums an eine in Deutschland lange vernachlässigte Forschungstradition anknüpfen und uns auf die Suche nach neuen Antwort auf diese Herausforderung begeben.

 

 

Drei Kreise zur Verbesserung der Stadtteil-Gesundheit

Erster Kreis: Die primäre Gesundheitsversorgung

Wenn eine Erkrankung oder ein anderes Problem vorliegt, ist der Verweis auf die Notwendigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern zu müssen, wenig hilfreich. Es bedarf einer Versorgungsstruktur, die direkt an den jeweiligen individuellen Problemlagen der Menschen ansetzt und in der gemeinsam Lösungswege oder Handlungsoptionen entwickelt werden können. Dabei geht es darum, sowohl die klassische biomedizinische Versorgung qualitativ besser und transparenter zu organisieren als auch bestimmte verkürzte Vorstellungen einer auf das Individuum fixierten Medizin aufzubrechen. In unseren Gesprächen mit Bürger_innen und lokalen Einrichtungen auf der Veddel wurde im Bereich der primärmedizinischen Versorgung ein äußerst dringender Bedarf formuliert: Ca. 4.700 Einwohnern steht eine eine einzige hausärztliche Praxis mit begrenzten Öffnungszeiten gegenüber, sonst nichts. Im benachbarten Wilhelmsburg ist die Situation etwas besser, nach Aussage mehrerer niedergelassener Allgemeinmediziner_innen aber auch nicht aus- reichend. Hinzu kommt, dass die Zahl der nichtversicherten Einwohner als vergleichsweise hoch eingeschätzt werden kann. Daher werden wir 2017 mit dem Aufbau einer allgemeinmedizinischen Praxis mit einem Kassenarztsitz und einer Sozial- und Gesundheitsberatung beginnen. Dies wird der Startpunkt im Stadtteilgesundheitszentrum Poliklinik auf der Veddel sein.

Allgemeinmedizinische Praxis In Deutschland fallen – bei durchschnittlich noch langsam steigender Lebenserwartung – mehr als drei Viertel der als vorzeitig oder als vermeidbar zu betrachtenden Sterbefälle auf die vier Todesursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Karzinome, Krankheiten der Atmungsorgane und Unfälle im mittleren und jüngeren Alter. Gleich- zeitig nehmen in einer alternden deutschen Gesellschaft chronische Krankheitsverläufe zu. Wie international bereits seit Dekaden unstrittig, ist eine gute und enge hausärztliche Basisversorgung der Königsweg, um der beschriebenen alternden Gesellschaft mit ihren gehäuften multimorbiden Krankheitsgeschichten zu begegnen. Deutschland fällt es seit Jahren schwer, dieser Erkenntnis zu folgen. Wir möchten mit unserem Konzept eine Renaissance der gemeindeorientierten Hausarztmedizin unterstützen. Gleichzeitig werden wir dem vereinsamten Hausarzt und der vereinsamten Hausärztin ein multiprofessionelles Team zur Seite stellen, das je nach Bedarf zur Verfügung steht. Häufige Hausbesuche, eine geregelte Zuwendungsdauer pro Patient_in und transparente Therapieregime sind Elemente, die im Rahmen des Modellprojektes erprobt werden.

 

Eine offene Bildungsarbeit im Stadtviertel mit Lernmodulen zu Sozialen Determinanten von Gesundheit, Organsystemen und Krankheitsbildern bietet den Nutzer_innen der Poliklinik neben den für Fokus- und Selbsthilfegruppen offenen Räumen die Möglichkeit, sich besser anzubinden. Dies sind zentrale Innovationen, die eine neue Kollektivkultur um die Themen Gesundheit und Krankheit beleben werden. Hierfür müssen längerfristig gesonderte finanzielle Ressourcen erschlossen werden. Die Qualität der bio- und gesellschaftsmedizinischen Versorgung wird durch regelmäßige Teamsitzungen, Kontrolle der Therapieregime durch einen externen Beirat (Pharmazeut_in, Pflegekraft und Ärzt_innenzirkel) und regelmäßige Konferenzen mit den nachbarschaftsorientierten Akteuren des Viertels gesichert. Wir werden keine Leben verwalten. Wir wollen das Leben gemeinsam miteinander gestalten und vor allem das gute Leben demokratisieren.

 

Rechtsberatung mit Kanzlei Justitia steht für Unparteilichkeit und Gerechtigkeit. Der Zugang zur Justiz ist aber nicht immer gerecht. Oft ist es eine Frage des Einkommens, der Sprache, der Kultur und des Wissens, ob jemand die Möglichkeit erhält seine/ihre Rechte auch einzuklagen und damit Räume zu eröffnen, die erste Schritte zur Lösung individueller Probleme sein können. Problem, die sich negativ auf die Gesundheit des/der Einzelnen auswirken. Im Stadtteil Hamburg Veddel ist der Bedarf an unentgeltlicher juristischer Beratung oder günstigen Rechtsbeistand nach Aussage lokaler Beratungsstellen hoch. Gegenwärtig gehen wir davon aus, dass eine Spezialisierung im Bereich Aufenthalts- und Ausländerrecht, Miet- recht, Strafrecht und Sozialrecht sinnvoll wäre, der genaue Bedarf muss noch erhoben werden. Da viele Belange nur geklärt werden können, wenn ein anwaltliches Mandat vorliegt, planen wir den Aufbau einer Kanzlei, um bei Bedarf die Interessen der NutzerInnen des Gesundheitszentrums adäquat vertreten zu können. Sozial- und Gesundheitsberatung Auch im Bereich der Sozial- und Gesundheitsberatung besteht in unterprivilegierten Stadtvierteln ein höherer Bedarf. Hier gibt es erfreulicherweise auf der Veddel bereits ein diversifiziertes Angebot. Mehrere Einrichtungen haben Sozialberatung in ihrem Programm. Eine sinnvolle Erweiterung besteht in der Einführung einer Art Lotsensystem, da nicht jede Anlaufstelle alle Fragestellungen kompetent beantworten kann. Darüber hinaus wurde in unseren Gesprächen mit den Mitarbeiter_innen deutlich, dass eine Weiterbegleitung der Ratsuchenden – z.B. beim Gang zur jeweiligen Behörde – nur in Ausnahmefällen geleistet werden kann. Auch an dieser Stelle besteht nach ihrer Einschätzung ein enormer Bedarf. Gerade bei Nutzer_innen mit einander bedingenden vielschichtigen Problemlagen könnte eine Begleitung bzw. intensive Unterstützung jedoch eine tatsächliche Verbesserung der Lebenssituation bewirken.

Erweiterung der primärgesundheitlichen Versorgung Nach der Startphase soll der organische Ausbau unseres Angebotsspektrums angegangen werden. Im medizinischen Bereich besteht auf der Veddel ein großer Bedarf an gynäkologischer und pädiatrischer Versorgung. Dass es auf der Veddel im Gegensatz zu Wilhelmsburg bis auf Zahnärzte gar keine Fachärzte und -ärztinnen gibt, ist für uns ein weiterer Grund für unsere Standortwahl an der Grenze der beiden Viertel mit einem Schwerpunkt auf der Veddel. Angesichts der zu erwartenden Patient_innenzahlen wollen wir mit einem Sprechstundenangebot im fachärztlichen Bereich (Gynäkologie, Pädiatrie, Orthopädie) starten (ein Nachmittag pro Woche), um den tatsächlichen Bedarf abschätzen zu können. Hierfür muss mit der KV über Sonderzulassungen verhandelt werden.

 

Auch hinsichtlich der Verfügbarkeit von psychotherapeutischer und psychiatrischer Behandlung ist die Veddel/ Wilhelmsburg stark benachteiligt, obwohl angesichts der schwierigen Lebensverhältnisse eine enorme Nachfrage besteht. Im Rahmen der Poliklinik muss ein niedrigschwelliges Angebot geschaffen werden. Ein Gesundheitsfeld, das aufgrund der demografischen Entwicklung immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist der Pflegesektor. Zunächst streben wir eine enge Zusammenarbeit mit den lokalen Pflegediensten an. Des Weiteren planen wir in Anlehnung an den beispielsweise in Slowenien existierenden Beruf der Community Nurse die Einsetzung eines Stadtteilgesundheitsarbeiters / einer Stadtteilgesundheitarbeiterin, die/der durch Hausbesuche engen Kontakt zu den Bewohner_innen des Viertels hält, Unterstützungsbedarfe früh erkennt und auf diese Weise auch weniger mobile Menschen in das Gesundheitszentrum einbeziehen kann.

 

Die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen ist zentraler Bestandteil unseres integrativen Versorgungskonzepts, längerfristig werden dadurch überlappende und später fluide Berufsprofile entstehen, die dazu beitragen, Hierarchien abzubauen und für die Nachbarschaft einen niedrigschwelligen Zugang zu ermöglichen. Die Sozialberatung und die Community-Nurse-Struktur nehmen hier Pionierfunktionen ein. Neben ihren herkömmlichen Aufgaben vermitteln sie zwischen dem Stadtteil und dem Gesundheitszentrum und ebnen in einem von Vielheit geprägten Stadtteil wie der Veddel den Weg für den Wissenstransfer von der Poliklinik in das Viertel und umgekehrt. Um den Herausforderungen gerecht werden zu können, die in der notwendigen Übersetzungsarbeit in sprachlicher und kultureller Hinsicht besteht, arbeiten sie eng mit dem Sprachlabor zusammen.

 

Exkurs: Vielsprachigkeit Die Veddel ist aufgrund ihrer Hafennähe seit jeher Ort der Ankunft, des Transits und der Abfahrt – es ist ein traditionell vielsprachiges Viertel. Sprachbarrieren werden gerade im medizinischen Kontext häufig als Problem wahrgenommen, oft wird dabei allerdings übersehen, dass die Verständigungsschwierigkeiten nicht unbedingt an der mangelnden gemeinsamen Sprache liegen, sondern andere Ursachen wie fehlendes Verständnis oder Sensibilität für andere Lebensgewohnheiten oder -bedingungen haben. Wir begreifen das Gesundheitszentrum Poliklinik als Möglichkeit, neue Wege der Kommunikation aufzubauen, alle Sprachen und Ausdrucksformen sind erwünscht. Neben dem Ziel, die Sprachkompetenzen in unserem Team und unter den Nutzer_innen der Poliklinik weiter auszubauen, greifen wir auf die klassischen Strukturen der Sprachmittlung zurück. Darüber hinaus bedarf es neuer Formen. Sprache als kollektiver, kreativer Prozess ist ständig im Wandel, durch das Mischen von Sprachen entstehen neue Zusammenhänge, durch ihren performativen Charakter verleihen sie der gesellschaftlichen Wirklichkeit Gestalt. Je nach Situation existieren verschiedene Sprach- und Bedeutungsebenen zugleich, die Sprechenden bewegen sich selbstverständlich zwischen diesen. Wir planen die Einrichtung eines Sprachlabors, das diese Vielstimmigkeit aufnimmt und beispielsweise mit der Entwicklung einer gemeinsamen Bildsprache, der Einbeziehung von Techniken wie dem Bodymapping und dem vollen Ausschöpfen der technischen Möglichkeiten unserer Zeit weitere Elemente hinzufügt. Hierzu streben wir Kooperationen mit Schulen des Stadtviertels, Künstler_innen, Kommunikations- designer_innen und Softwareentwickler_innen an.

 

 

Zweiter Kreis: Die Kollektivierung der gesundheitlichen Problemlagen im Stadtteil

Bei unseren Gesprächen mit Akteur_innen auf der Veddel zeichnete sich bereits ab, dass viele Menschen vor ähnlichen Problemen stehen: genannt wurde die Beengtheit der Wohnungen, die in manchen Fällen auch noch in einem sehr desolaten Zustand sind; ein Gefühl der Perspektivlosigkeit angesichts der Arbeitslosigkeit; fehlende finanzielle Ressourcen; fehlende Infrastruktur (auf der Veddel: keine medizinische Versorgung, keine Apotheke, kein Drogeriemarkt bei gehäuften chronischen Erkrankungen; insbesondere Disbetes mellitus Typ II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Lungenerkrankung). Zugleich sind wir auf viel Engagement gestoßen, beispielsweise in der Veddeler Turnhalle, im Seniorentreffpunkt oder bei den Aktivitäten von New Hamburg. Der zweite Kreis unserer Gesundheitsarbeit besteht darin, den theoretischen Ansatz der Sozialen Determinanten von Gesundheit gemeinsam mit den Nutzer_innen der Poliklinik und unseren Kooperationspartner_innen in eine konkrete Gesundheitspraxis zu übersetzen: Was sind die zentralen Problemlagen in diesem Teil der Stadt? Wie wirken sich diese Marginalisierungen auf den Gesundheitszustand aus? Gibt es Gegenstrategien? Existiert ein gemeinsames Bewusstsein oder werden die Probleme als individuelle Belastung wahrgenommen? Welchen Einfluss haben die bisherigen Aktivitäten und Angebote im Stadtteil? Wen erreichen sie? Wodurch könnten die Lebensbedingungen verbessert werden? Innerhalb des zweiten Kreises lassen sich dementsprechend zwei zentrale Felder ausmachen, die eng miteinander verbunden sind: erstens die Erforschung der konkreten sozialen Determinanten von Gesundheit auf der Veddel und zweitens die Kollektivierung der Problemlagen durch Empowerment und Schaffung eines Ortes der Solidarität.

 

Unsere Forschung Das enorme Ausmaß exklusiver Deutungshoheit, das der Biomedizin bei der Bearbeitung des Themenkomplexes Krankheit und Gesundheit eingeräumt wird, entspricht dem industriegesellschaftlichen Rationalismus mit aller seiner funktionalistischen Beschränktheit. Mit unserer Forschung wollen wir hier einen Gegenpol setzen, indem wir quantitative und qualitative Forschungsmethoden miteinander verbinden und transdisziplinäre Forschungsansätze entwickeln. Die Daten, die durch die primärgesundheitlichen Versorgung im Gesundheitszentrum erhoben werden, können mit Einverständnis der Patient_innen als Grundlage für größere epidemiologische Studien in der Tradition der angelsächsischen Forschung zu sozialer Ungleichheit und Gesundheit genutzt werden. Im Rahmen dieses Forschungsvorhabens streben wir eine Kooperation mit einer Vergleichspraxis in einem wohlhabenderen Hamburger Stadtteil an; darüber hinaus prüfen wir derzeit die Möglichkeiten einer transnationalen Zusammenarbeit mit dem Centro di Salute Internazionale in Bologna. Im Rahmen der Forschung soll auch die Evaluation unserer Arbeit erfolgen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Anwendung und Weiterentwicklung partizipativer Methoden: Die Menschen, die auf der Veddel und in Wilhelmsburg leben, kennen die Stärken und Schwächen ihrer Stadtteile; sie sind die Expert_innen, wenn es um die körperlichen und psychischen Belastungen infolge ihrer Lebensumstände geht und auch in Bezug auf die Frage, wodurch Verbesserungen erreicht werden könnten. Wir müssen von ihnen lernen. Bevor wir die Poliklinik im nächsten Jahr eröffnen starten wir mit einer Befragung welche im öffentlichen Raum ausgewertet und diskutiert werden soll. Nach dieser Phase bedarf es weiterer Ansätze, die mit den Nutzer_innen des Gesundheitszentrums entwickelt werden müssen: Dies können z.B. themenspezifische Arbeitsgruppen, offene Treffs, Diskussionsveranstaltungen oder konkrete Präventionsprojekte sein.

 

Erkenntnis und Empowerment Nur weil viele Menschen von den gleichen Problemen betroffen sind, heißt das nicht automatisch, dass ein gemeinsames Bewusstsein besteht; vielmehr können alle das Gefühl haben, allein mit diesem Problem konfrontiert zu sein und individuell eine Lösung finden zu müssen. Dabei ist es oft so, dass die Last der Probleme weniger wird, wenn man weiß, dass es andere gibt, mit denen man zusammen nach Lösungswegen suchen und von deren erprobten Bewältigungsstrategien man profitieren kann. Zudem verdeutlicht dieser Schritt häufig, dass nicht individuelles Versagen die Ursache ist, sondern gesellschaftliche Strukturen problematische Bedingungen hervorbringen. Wie ist diesbezüglich die Situation auf der Veddel und in Wilhelmsburg? Können wir sofort von einem geteilten Problembewusstsein lernen? Oder besteht Kollektivierungsbedarf, an welchen Punkten? Diese Fragen müssen in der community, auf den Plätzen und in der primärgesundheitlichen Versorgung diskutiert werden. Neben der Bewusstwerdung über strukturelle Ursachen steht das Empowerment dabei im Vordergrund: Die Aufhebung der Vereinzelung macht deutlich, dass man gemeinsam etwas verändern kann. Dazu ist Selbstbewusstsein notwendig und die Bereitschaft, sich bestimmte Fähigkeiten anzueignen, wie z.B. den Mut für seine Belange eintreten zu wollen, sich auf ein neues Kollektiv einzulassen, eine Sprache, Lesen und Schreiben zu lernen, an die eigene Kreativität zu glauben. Aus diesem Grund ist Bildungsarbeit im weitesten Sinne ein zentraler Bestandteil des 2. Kreises unserer Gesundheitsversorgung und –vorsorge. In Deutschland gibt es zudem in diesem Bereich kaum Forschung, dieses Defizit wollen wir beheben.

 

Module zur Sozialen Determination von Gesundheit / Prävention Gesundheitliche Prävention geht weit über eine individuelle Verhaltensoptimierung hinaus. Für den und die Einzelne_n bedeutet Prävention Emanzipation bzw. die Freiheit, das Leben nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen ausrichten zu können. Um gemeinsam mit den Nutzer_innen der Poliklinik und anderen Stadtteilbewohner_innen ein besseres Verständnis der sozialen Determinanten von Gesundheit zu entwickeln, planen wir Präventionsprojekte in Modulen, in denen ein bestimmter gesellschaftlicher Zusammenhang und die Auswirkungen auf die Gesundheit näher untersucht werden sollen. Die Module sind auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten und können beispielsweise im Rahmen wöchentlicher Treffen oder von Projektwochen in Schulen, Seniorenzentren oder im Gesundheitszentrum angeboten werden.

 

Exkurs: Interdisziplinarität Die Mitarbeiter_innen der Poliklinik verstehen sich als Gesundheitsarbeiter_innen mit unterschiedlichen Spezialisierungen. Um tatsächlich zu einer gemeinsamen Bearbeitung der gesundheitlichen Belange der Nutzer_innen zu gelangen, müssen die vielfältigen Hierarchien im Gesundheitsbereich wahrgenommen und über Bord geworfen werden: Dies betrifft sowohl das Verhältnis der Gesundheitsarbeiter_innen untereinander als auch ihr Verhältnis zu den Nutzer_innen, die die zentralen Expert_innen sind, wenn es um ihre Gesundheit geht. Ziel unseres Projektes ist es, sich der unterschiedlichen Blickwinkel auf Gesundheit bewusst zu werden, voneinander zu lernen und zusammen ein neues Verständnis von Gesundheit und Krankheit sowie den daraus resultierenden (Be-)Handlungsoptionen zu schaffen. Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass die Gesundheitsarbeiter_innen gemeinsam den Leitfaden für das Erstgespräch konzipieren sowie durch gegenseitige Hospitationen und externe Fortbildungen über ihren Fachbereich hinaus ein Gespür für weiterführende Unterstützungs- und Handlungsbedarfe entwickeln. Insgesamt müssen sie eine große Bereitschaft mitbringen, die erlernten Wissensbestände infrage und gleichzeitig ihre Wissensressourcen allen zur Verfügung zu stellen.

 

 

Dritter Kreis: Die Veränderung der Verhältnisse

Folgt man der Theorie der Sozialen Determinanten von Gesundheit, spielen die krankmachenden Verhältnisse im Gegensatz zu verhaltenszentrierten Herangehensweisen eine zentrale Rolle. Ansätze zur Veränderung dieser Verhältnisse müssen dementsprechend auch in das (Be-)Handlungskonzept integriert werden. Mit dem dritten Kreis unserer Gesundheitsarbeit wollen wir uns dieser Herausforderung stellen. Wir haben auf der Veddel und in Wilhelmsburg bereits vielfältige Formen des politischen Engagements, Einrichtungen und Initiativen kennengelernt; in den kommenden Monaten wollen wir den Austausch vertiefen und von den bestehenden Strukturen lernen. Als Stadtteilgesundheitszentrum wollen wir die politische Dimension von Beginn an mitdenken und eine Infrastruktur bereitstellen: Dies umfasst beispielsweise Räumlichkeiten, den Zugang zu Informationen und Ressourcen sowie das Aufbauen von Netzwerken. Unser Verständnis von politischem Engagement ist weit gefasst; im Kern geht es jedoch immer um die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe und darum, wie die Gesellschaft aussieht, in der man leben möchte. Das bedeutet, dass die Ausdrucksweisen des Politischen auch sehr differieren können: Neben dem klassischen Weg über die offiziellen politischen Gremien der Stadtteile und der Stadt Hamburg (Bezirksversammlung, Ausschüsse, Parteien, der Senat usw.), kann die Artikulation von Forderungen auch auf der Straße beispielsweise mit Straßenfesten, Demonstrationen, Festivals oder Ähnlichem erfolgen oder sich im Alltagshandeln ausdrücken. Unsere Aufgabe sehen wir zunächst darin, die Nutzer_innen der Poliklinik und die Bewohner_innen des Stadtteils in ihrem Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung der Verhältnisse zu unterstützen und gemeinsam reale Utopien für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zu entwerfen, für deren Umsetzung zu kämpfen und sie einfach zu leben.